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Kinder ins/ans Netz?
von Christian Schreger
Die Aufforderung zur Auseinandersetzung mit dem Medium Internet auch schon in den Volksschulklassen ist seit langem nicht mehr zu überhören. Spannenderweise kommt sie nicht von abenteuerlustigen Kindern oder Jugendlichen, sondern aus den obersten Etagen von Wirtschaft und Politik. Neben den auf der Hand liegenden Gründen, warum es heute wichtig ist, sich um die Kommunikationsformen von morgen zu kümmern, hat die Sache allerings auch einen großen Haken: Die Motivation sich mit dem Medium bzw. dem Computer überhaupt auseinanderzusetzen ist bei vielen KollegInnen vergleichsweise gering, vor allem auch deshalb, weil die eigene Erfahrung damit fehlt oder eher frustrierend war und weil es leider nur wenige brauchbare Beispiele gerade im Bereich der Volksschulen gibt. Im folgenden möchte ich drei Projekte vorstellen, die entweder direkt in der Klasse entstanden sind (und entstehen) oder Kinder im Volksschulalter an das Medium Internet und die Möglichkeit seiner Mitgestaltung heranzuführen versuchen. Beispiel 1: Das Flek-Kindernetz Eine Klassen- oder Schulzeitung, Themenhefte oder Geschichtensammlungen haben wohl fast alle KollegInnen mit ihren Kinder schon einmal erstellt. Was aber, wenn die Leserschaft und die AutorInnen nicht nur dem eher begrenzten Umfeld der Klasse (oder Schule) entstammen würden, wenn es möglich wäre, Beiträge praktisch ohne geografische Grenzen zu publizieren und Reaktionen darauf unmittelbar passieren könnten? Wenn es kein Problem wäre, gemeinsam Geschichten mit AutorInnen aus anderen Ländern zu schreiben - ohne die wochenlangen Wartezeiten auf die Briefe, die vielleicht erst dann einlangen, wenn sich das Interesse schon längst auf andere Bereiche verlagert hat? Solche Gedanken beschäftigten mich, als ich im Frühjahr 1998 mit der Programmierung des "Kindernetzes" begann. Im Vordergrund stand der Gedanke der Interaktivität: Nicht nur Konsumieren, sondern aktiv eingreifen können, den Computer nicht nur als flinken TV-Ersatz, sondern als Kommunikationsmittel erleben - und dabei den Umgang mit dem Medium Internet erlernen. Keine Trockenübungen also im luftleeren Raum, sondern der unmittelbare Kontakt zum Geschehen im weltumspannenden Datennetz - learning by doing. Die Hauptseiten des "Kindernetzes" bieten die Möglichkeit, Kindergeschichten (sortiert nach Themenbereichen wie "Tiere", "Schule", "Gedichte" - aber auch "Angst" oder "Liebe") zu lesen, jedoch auch selbst zu verfassen. Nachrichten und Mitteilungen sind möglich, es gibt eine "Fragenseite", die es sowohl zuläßt, Fragen zu stellen als auch Fragen zu beantworten. Eine Mitschreibgeschichte existiert genauso wie eine Ideenbörse, die Freundeseite und ein Gästebuch. Und natürlich ist da ein Archiv, in dem sich Geschichten nachlesen lassen und das auch Links bietet zu anderen, für Kinder interessanten Homepages. Ein Online-Kindermagazin also, dessen Inhalt sich täglich ändert und das Raum bietet für eigene Beteiligung. Nach über zwei Jahren am Netz (eine halbe Ewigkeit in Internetrelationen) scheint das Konzept immer noch nicht uninteressant geworden zu sein - das belegen die Besucherzahlen, die ziemlich hoch sind für eine Seite, die ohne Werbung, Gewinnspiele und Gratisschnickschnack auskommt. Besonders häufig werden die Mitschreibgeschichte und die Fragenseite besucht. Hier ist das "Kindernetz" am lebendigsten, auch wenn die Teilnahme daran ganz konkrete Arbeit bedeutet: Schließlich sind Lesen und Schreiben für Kinder nicht einfach Tätigkeiten, die nebenbei passieren. Beispiel 2: Das "Digitale Tagebuch" Einen anderen Aspekt der Möglichkeiten des Internets nutzt das "Digitale Tagebuch" meiner Mehrstufenklasse. Täglich entstehen kurze Beiträge in Wort, Bild und auch Ton, die mit dem unmittelbaren Geschehen in der Klasse zu tun haben. Alles kann Thema sein, jede/r kann mitmachen. Neben den täglichen Kurzberichten, die meist ab dem frühen Nachmittag online sind entstehen Geschichtenbücher, Exkursionsberichte, auch eine Rezepte- und eine Piratenseite gibt es bereits. Das "Digitale Tagebuch" geht gerade ins fünfte Monat und die Resonanz seitens der Eltern, anderer Schulen und vieler KollegInnen ist überwältigend. Sicherlich spielt dabei die Verwendung von Audiodateien eine große Rolle. Mittels des Freewareprogramms "RealPlayer" lesen die AutorInnen ihre Artikel vor oder erzählen sie. Eine Digitalkamera ermöglicht uns das Betrachten und Auswählen der Fotos sofort am Computer. Mit einem Scanner können Zeichnungen oder mitgebrachte Bilder in kürzester Zeit digitalisiert und weiterbearbeitet werden. Beiträge entstehen in wenigen Minuten, Resultate sind gleich sichtbar: Diese Unmittelbarkeit des Mediums spornt die Kinder ungeheuer an und bringt sie immer wieder auf neue Ideen. Im heurigen Advent wird es etwa einen Online-Adventkalender geben - auch eine Möglichkeit, das Medium zu nutzen und dabei grafische, sprachliche und auch mathematische Lernziele zu erreichen. Beispiel 3: Der "Virtuelle Storchengrund" [3] Dieses Projekt, das Ende November 2000 online gehen wird (und wie bereits das "Kindernetz" mit einem Förderpreis der "Netd@ys Austria" ausgezeichnet wurde) beschäftigt sich mit Zeit, Raum und Wahrnehmung. Die Gassen und Plätze rund um die Schule wurden fotografiert, per Mausklick kann man sich durch sie bewegen, sich umdrehen, zurückgehen, an verschiedenen Stellen historische Aufnahmen der gleichen Orte in der Vergangenheit betrachten und mit der Gegenwart vergleichen oder Informationen zu den Straßennamen abrufen. Es geht dabei auch um den Schritt in die Abstraktion, der im Unterricht ständig von den Kindern verlangt wird - hier geschieht er aber im wahrsten Sinne des Wortes überschaubarer, denn in der vertrauten, unmittelbaren Umgebung und damit rasch wieder nachvollziehbar. Den bereits vorhandenen Straßenraster gilt es in Folge mit Reportagen über Häuser, Parks oder Geschäfte zu füllen, die für die Kinder von Bedeutung sind. Durch Verwendung von Bild und Ton wird man mittels Internet-Führung die Orte betreten können, über die es aus Kindersicht etwas zu berichten gibt. Auch dabei erweist sich das Netz und seine Programmiersprache HTML als ideales Medium: Die einzelnen Seiten sind durch die modulare Basisstruktur problemlos anpass- und veränderbar, dadurch können sie lebendig und ergänzbar bleiben. Abschließend bleibt zu sagen, dass für alle erwähnten Beispiele keine professionelle Ausrüstung oder jahrelange Spezialausbildung nötig war. Unsere Schule hat noch nicht einmal die für alle österreichischen Klassen angekündigten Computer erhalten, von einer Internetanbindung via Schulnetzwerk ganz zu schweigen. Was nötig ist, ist eine Idee, die Bereitschaft auch selbst Arbeit zu investieren und vor allem das Interesse an dem, was ein anfangs vielleicht fremdes und ungewohntes Medium schließlich doch zu bieten im Stande ist. Ohne Neugier und Einsatzbereitschaft geht nun einmal nichts - aber beides wünschen wir uns doch auch täglich von den Kindern in unseren Klassen. Und wenn sie die Möglichkeiten des Internets einmal erlebt haben und damit arbeiten konnten, dann ist die Gefahr fürs erste gebannt, dass sie ahnungslos einer marktschreierisch beworbenen Innovation ins Netz tappen, anstatt ans Netz zu gehen. Christian Schreger ist Volksschullehrer und Freinet Pädagoge in Wien. |