Barbara Eppensteiner

Auf dem Weg zur Medienkompetenz ?

Der Begriff Medienkompetenz hat ohne Zweifel Konjunktur. Nach einem vorläufigen Höhepunkt, der 1996/97 in der Bundesrepublik Deutschland zu verzeichnen war - damals wurde, neben heftigen theoretischen Auseinandersetzungen, auch das "Europäische Zentrum für Medienkompetenz" gegründet -, hat die Diskussion nun offenbar auch Österreich erreicht. Was Medienkompetenz konkret meint und welches Bildungsziel die im Auge haben, die den Begriff im Mund führen, bleibt dabei meist ebenso unklar, wie die Frage, auf welchen Weg diese verborgen bleibenden Ziele erreicht werden sollen. Unklar bleibt auch die Bedeutung des Begriffs im pädagogischen wie im gesellschaftspolitischen Kontext: Ist Medienkompetenz ein zentral wichtiger, ein essentieller Begriff, der die wesentliche Kernkompetenz des 21. Jahrhunderts bezeichnet oder ist Medienkompetenz - wie Hans-Dieter Kübler meint - als "Kompetenz, der Kompetenz der Kompetenz" ein im Grunde entbehrliches theoretisches Konstrukt?

Fragen wie diese lassen sich wohl am sinnvollsten und besten anhand der konkreten Praxis überprüfen, weshalb ich mich fürs erste auf eine virtuelle Forschungsreise ins Internet begab, auf der ich eine ganze Reihe recht interessanter Funde machte. Deren kritische Betrachtung und Bewertung will ich an den Beginn meiner Ausführungen stellen.

Unterwegs im Netz

Die deutsche Suchmaschine "fireball.de" , einer der von mir genutzten Reiseführer, listet nach Eingabe des Stichwortes "Medienkompetenz" allein 7328 (siebentausend dreihundert achtundzwanzig) Funde auf. Ich war erstaunt und klickte mich gespannt durch die ersten Einträge. Bald aber wurde klar, wie weit verbreitet der Begriff bereits ist und in welch unterschiedliche Bereiche er Eingang gefunden hat. Ich möchte ihnen nun vor allem die Seiten vorstellen, die ich besonders interessant, skurril oder beachtenswert fand. Was dazu führen wird, dass die virtuelle Reise das genuin pädagogische Feld fürs erste verlassen wird. Es wird aber ein Umweg sein, der sich für die Gesamtbewertung des Begriffes und seiner Verwendung innerhalb verschiedenster gesellschaftlicher Diskurse, insgesamt als sehr fruchtbar und wichtig erweist. Wie der Blick über den Tellerrand des eigenen Fachgebietes ja nie schaden kann.

Unter dem Suchbegriff Medienkompetenz stieß ich etwa auf eine Seite des deutschen Handelstages, der - nachdem er die Bedeutung des "Produktionsfaktors Wissen" erkannt hatte, schon Anfang 1997 eine Kampagne plante, mit der die mittelständische Wirtschaft zur verstärkten Nutzung von Multimedia angeregt werden sollte. Denn unter den Klein- und Mittelbetrieben nutzten damals erst 3% das Internet, was - so die Befürchtung der Standesvertretung - eher früher als später zu gravierenden Wettbewerbsnachteilen führen könne. Ein Argument, mit dem das Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie - wohlgemerkt - das Bildungs- und nicht das Wirtschaftsministerium, - offenbar gern überreden ließ, sich finanziell an der Kampagne zu beteiligen. Die Ziele lassen an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig und haben mit dem - was sie sich vermutlich unter Medienkompetenz vorstellen - wenig zu tun.

Denn hier geht es in erster Linie darum:

- die erforderliche Aufmerksamkeit und Akzeptanz in der Wirtschaft zu erreichen, um möglichst umfassend über technische Optionen und best-practice Anwendungen informieren zu können

- durch die Entwicklung neuer Marketingstrategien neue Wertschöpfungsketten anzuregen

- und schließlich auch noch darum den Datenaustausch sowohl innerbetrieblich, als auch zwischen Unternehmen zu erleichtern und insgesamt effizienter zu gestalten.

Und wo es um die Erschließung neuer Märkte geht, da darf auch eine der jüngst entdeckten Zielgruppen die sogenannten 50plus nicht fehlen. Folgerichtig veranstaltete das selbe deutsche Ministerium parallel zum Wettbewerb "Vermittlung von Medienkompetenz in Industrie, Handel und Dienstleistungen" auch die Ermittlung des "Deutschen Seniorenpreis Multimedia". Denn auch in der Gruppe der über 55-jährigen wurde die ominöse 3% Beteiligung festgestellt, die offenbar jeweils Alarm auslöst.

Der Aufruf Ideen dazu zu entwickeln, wie ältere und alte Menschen möglichst rasch mit "angeschlossen" werden können, richtet sich folgerichtig auch nicht an die Alten selbst, sondern Organisationen, Träger und Gruppen in der Seniorenarbeit, sowie Forschungseinrichtungen und Firmen.

Ziele sind diesmal:

- die Senioren sollen zur Nutzung multimedialer Technik befähigt werden, indem sie durch Abbau bestehender Vorurteile auf die Wissensgesellschaft vorbereitet werden.

- Dabei helfen sollen Projekte, die sich damit beschäftigen wie die Mensch-Maschine-Schnittstellen an die spezifischen Belange älterer Menschen angepasst werden könnten.

- Damit ältere Menschen eben besser an der Kommunikation in den neuen Dimensionen Telelearning, Teleshopping, Telebanking und Telearbeit teilhaben können.

Kritische Zugänge finden sich in diesen Konzepten ebensowenig wie in jenen, die sich mit Medienkompetenz im Dienstleistungssektor und im Handwerk oder mit Medienkompetenz zur Effizienzsteigerung in Unternehmern beschäftigen. Ich vermute, dass Medienkompetenz auch jeweils schlicht als die Befähigung der sogenannten "User" definiert wird, mit einem Computer umzugehen, sich ins Internet einzuloggen, die entsprechende Seite zu finden und dort einzukaufen oder Bankgeschäfte zu erledigen - denn das trägt wesentlich dazu bei den Kundenservice der jeweiligen Unternehmungen zu rationalisieren und damit kostengünstiger zu machen. Wobei es mir ein kleiner Trost war, dass die Seiten dieser so offensichtlich an Effizienz interessierten Einrichtungen drei Jahre nach Abschluss der Projekte immer noch völlig unverändert im Netz standen. Das world wide web als Kommunikationstool, dessen Erfindung im Zeichen nichthierarchischer, dezentraler Kommunikation gestanden war, enthält als Medium vielleicht doch einen Rest von Widerständigkeit gegen die reine Effizienz.

Zurück im pädagogischen Feld brachte mich wenig später die Seite der deutschen Arbeitsgemeinschaft "Schulen ans Netz" an den Rand der Verzweiflung. In ihrem Grundsatzpapier formulierte die ARGE, der neben Schulverwaltung und Wirtschaft auch namhafte Medienpädagogen wie etwa Dieter Baacke angehörten nämlich den denkwürdigen Satz:

"Ziel der Initiative "Schulen ans Netz" sei es - junge Menschen an die Bedürfnisse der Informationsgesellschaft anzupassen (!)."

Schaudernd erinnerte ich mich an Johann Heinrich Pestalozzis "Spezialgymnastik für die Industrie", die es sich zum Ziel gesetzt hatte den perfekten Arbeiterkörper zu formen. Und als ich von meinem Ausflug in die Vergangenheit in die Gegenwart zurückkehrte, läutete das Telefon und die Arbeitsmedizinerin, an die ich mich gewandt hatte um eine Verbündete im Bemühen um einen neuen Bürosessel zu bekommen, eröffnete mir, dass sie eine Wirbelsäulengymnastik organisiert habe, die uns helfen solle die Rückenschmerzen, die veraltete Bürosessel verursachten, wieder weg zu bekommen. Der Wahnsinn schien Methode und die Anpassung des Menschen an die gegebenen Verhältnisse der Zug der Zeit. Dass sich Unterrichtsmaterial zum "Potential, die das Internet für Demokratie und Gesellschaft birgt" (Folie C7 - Anders entscheiden) dann auf einer Seite mit der Adresse www.universum.de/medienkompetenz/ fand, schien mir nur mehr logisch. Die Auseinandersetzung mit gesellschafts- und demokratiepolitischen Fragen im Zusammenhang mit Medien ist scheinbar nicht wirklich von dieser Welt.

Teilkompetenzen und die Individualisierung der Verantwortung

Eines hat mir mein Streifzug auf jeden Fall deutlich gemacht: Medienkompetenz wird - auch wenn der Begriff aus dem Umfeld der Soziologie, bzw. der Sprachwissenschaft kommt, längst nicht mehr als die sozialwissenschaftliche Beschreibung eines zu erreichenden Zustandes, der irgend etwas mit einem selbstbewusst kritischen Umgang mit Medien zu tun hat, verwendet. In der Mehrzahl der Fälle zielt sie (die Medienkompetenz) vielmehr knallhart auf effektives, erfolgsorientiertes Handeln unter den gegebenen Bedingungen der Mediengesellschaft ab. Und da diese - mit der damit einhergehenden Idee vom Übergang der Industrie- in eine Wissensgesellschaft - mittlerweile in sehr vielen Bereichen der westlichen Industrienationen Thema ist, findet auch die Forderung nach Medienkompetenz überall Eingang. Dafür spricht auch die auffällige Konzentration auf Computer- und Multimediakompetenzen, die impliziert, dass wir mit allen "alten" Medien mittlerweile kompetent genug umgehen oder den Umkehrschluss zuläßt, dass es hier jedenfalls nicht um Kompetenz im Sinne eines mündigen Umgangs geht.

Steckt hinter dem Konzept "Medienkompetenz" also in erster Linie Anpassung an die gegebenen Verhältnisse und eine Pädagogik, die im besseren Fall Reparaturbetrieb für durch gesellschaftliche Fehlentwicklungen erzeugte Probleme, im schlechteren vorauseilende Denkerin, die das perfekt zur Be-dienung der Maschine - die Formulierung allein ist verräterisch genug - passende Menschenbild für ihren Zielkatalog formuliert?

Ist mein Unbehagen angesichts des Kompetenz-Begriffs, der für mich einen unangenehm technokratischen Beigeschmack hat, berechtigt?

Dieter Baacke, einer der Apologeten des Begriffs, erinnert in seinen Ausführungen stets daran, dass die Problematik höchstens darin bestehe, dass der Begriff, der vom Konzept der Habermasschen kommunikativen Kompetenz abgeleitet ist und daher eigentlich aus einem grösseren Theoriezusammenhang stammt, in seiner Verengung auf Medien natürlich auch missbraucht werden könne. Vor allem die neuen Medien hätten dazu geführt, dass nur mehr auf sie gestarrt werde. Als Medienpädagoge - und als einer der effizientesten Standesvertreter - will er den Begriff keinesfalls ganz aufgeben; er ist im Gegenteil jederzeit bereit Missbräuche aufzudecken.

Etwas kritischer geht Johannes Gawert, der Herausgeber der immer wieder lesenswerten Zeitschrift "medien praktisch" die Sache an. Er sieht das Problem vor allem in der Individualisierung der Verantwortung für gesellschaftliche Zustände - ein Trend, der nicht nur in der Pädagogik zu spüren ist, der sich dort aber besonders fatal auswirkt. Und insofern ist ihm der aktuelle Erfolg des Begriffs "Medienkompetenz" in erster Linie Ausdruck einer Krise der pädagogischen Theorieentwicklung.

Die Pädagogik - so meint er - widersteht dem Druck der Entwicklung nicht angemessen. Sie lässt sich durch den Umbau der alten Industriegesellschaften in Informations- oder Mediengesellschaften und durch das überall spürbare Bestreben neue Formen der Kapitalverwertung zu entwickeln, ohnmächtig machen. Rundherum geht alles immer schneller von statten und keinen interessiert mehr, was die Pädagogik dazu zu sagen hat. Niemand beachtet ihre warnend erhobenen Zeigefinger. Medien kommen uns heute - trotz aller medienpädagogischen Warnungen - ungeheuer komplex, ziemlich unübersichtlich und vor allem in bezug auf ethische Fragen sehr, sehr unverfroren entgegen.

Reagiert würde hier - so Gawert - mit einer "Flucht nach vorn" in Gefilde, in denen es nicht mehr - wie noch in den 70er und frühen 80er Jahren - um die Veränderung der Verhältnisse geht. Pädagogik warnt zwar noch, sie strebt aber auch die optimale Anpassung des einzelnen an die neue Welt an. Wobei das Gelingen dieses Unterfangens zu einer individuell zu lösenden Frage gemacht wird, die auch den PädagogInnen nicht gerade wenig Verantwortung aufbürdet. Und das ist nicht nur im Bereich der Medienpädagogik so. In den letzten Jahren sind ja nicht zufällig auch Umwelt-, Friedens- und interkulturelle Pädagogik zunehmend in den Mittelpunkt des Interesses gerückt worden. Praktisch alle ungelösten Probleme von Welt und Gesellschaft sollen in den Klassenzimmern oder - wo die versagen - wenigstens im Rahmen außerschulischer Angebote gelöst werden. Eine Situation übrigens, die auch diese beiden Felder in eine ungesunde Konkurrenz zueinander bringt.

Tenor derart entstandener pädagogischen Konzepte ist: Wenn die Verhältnisse übermächtig sind, soll der einzelne pädagogisch qualifiziert werden, sich in ihnen zurechtzufinden - was diese Verhältnisse auch immer bieten oder zumuten mögen. Und sollte dieser Anpassungsprozesses misslingen- ich erinnere an den eingangs zitierten Satz von der "Anpassung" der jungen Menschen an die Erfordernisse der Mediengesellschaft, - dann trägt das Subjekt die Verantwortung dafür. PädagogInnen und/oder ihre "Zöglinge" haben sich im Fall des Scheiterns eben als inkompetent erwiesen und können in Folge wunderbar mit Schuldsuche und Ursachenforschung beschäftigt werden.

Hans-Dieter Kübler, der der Konjunktur des Begriffs mit dem Titel seines Beitrages (Kompetenz der Kompetenz der Kompetenz) einigermaßen ironisch begegnet, erinnert aber auch daran, dass vor allem junge Menschen in Wahrheit mit den Medien entsprechend ihren (wie immer zu bewertenden) sozialen, kulturellen, kognitiven und kommunikativen Möglichkeiten recht kompetent umgehen, daß sie also pädagogische Stimulation oder gar Unterstützung eigentlich gar nicht brauchen. Medien - so seine Thesen - enthalten ihre Gebrauchsanleitung bereits - und diese wird von allen - außer von PädagogInnen und von den wenigen, die - von welcher normativen Warte auch aus immer - nicht kompetent mit ihnen umgehen können, ohnehin verstanden. Und sowohl erstere als auch letztere sind für pädagogische Maßnahmen in der Regel nicht erreichbar. Das Konzept - so sein Tenor - ist vor allem Selbstzweck und dient in erster Linie dazu die Existenz und das Tun von Medienpädagogik zu legitimieren und ihre Erweiterung zu fordern.

Seine Diagnose meint allerdings keineswegs, dass zwischen Menschen und Medien alles wunderbar und unproblematisch laufe und dass hier kein Handlungsbedarf gegeben sei. Er ortet das Problem nur an anderer Stelle. Durch das In-den-Vordergrund-stelllen des Begriffs verschiebe sich der Blickwinkel weg von den originären kommunikativen Fähigkeiten der Menschen, weg von individueller kommunikativer Kompetenz hin zu den Medien bzw. deren spezifische Konditionen. Wodurch ihnen die Macht zugesprochen wird vorzugeben, was Menschen zu lernen haben.

Das Starren auf Medien hat in der Pädagogik allerdings eine lange Geschichte: Denn wann immer ein neues Medium aufkam, waren Pädagogen zur Stelle und forderten, die Individuen müßten auf die jeweilige Medientechnologie vorbereitet, in sie eingewiesen werden, mit ihr umgehen können, letztlich auch gegen sie ein wenig immun gemacht werden. Wobei ein genauerer Blick auf die Frage, wer sie eigentlich so dringend braucht, Interessantes ergibt: Medienkompetenz fehlt Kindern und Jugendlichen, Frauen und alten Menschen, Ausländern und Behinderten, klein- und mittelständischen Betrieben. Die gesellschaftlich mächtigen und angesehenen Gruppen hingegen, also all jene, die in obiger Aufzählung nicht vorkommen - Männer nach der Adoleszenz und vor der Pensionierung, sowie große Unternehmen verfügen offenbar über Medienkompetenz - oder brauchen sie nicht. Oder sie formulieren das vermeintliche Defizit dank der ihnen zugestandenen Definitionsmacht von vornherein so, dass es sicher nichts mit ihnen zu tun hat.

Medienkompetenz - das konnte ich mit meinen bisherigen Ausführung hoffentlich klar machen, ist also sicher kein originär kritischer Begriff, der Entwicklungen hinterfragt. Er zielt vielmehr auf effektives, erfolgsorientiertes Handeln unter den gegebenen Bedingungen der Mediengesellschaft.

Und das macht ihn auch populär. Medienkompetenz als Begriff zirkuliert längst nicht mehr nur innerhalb der pädagogischen Diskussion, sondern wurde - wie ich ja zu Beginn schon darlegte - von Wirtschaft, Politik und Verwaltung aufgegriffen und damit zum brauchbaren Instrument für gesellschaftliche Diskurse. Denn oberflächlich ist er mit der Verheißung von Gutem behaftet - wer will schon die Förderung von einer Kompetenz in Frage stellen - und dass die Mediengesellschaft Medienkompetenz braucht, scheint sonnenklar. Das leuchtet auch den verschiedensten Geldgebern ein - weshalb der Begriff wohl nicht so schnell aus den entsprechenden gesellschaftlichen Diskursen verschwinden wird. Denn mit seiner Hilfe lassen sich verschiedenste Fördertöpfe anzapfen. Eine süß duftende Leimrute, an der sich auch die Medienpädagogik gerne festkleben läßt.

Die kritische Diagnose der Verwendung des Begriffs sollte allerdings nicht dazu verführen das Kind vorschnell mit dem Bade auszuschütten. Kompetenz - im Sinne von Handlungs- und Orientierungsfähigkeiten in der Unübersichtlichkeit neuer Medienwelten – bleibt ein erstrebenswertes Ziel. Sie täte ebenso not wie die Unterstützung und Förderung eines selbstbestimmten und eigen-sinnigen Umgangs mit Medien.

Kompetenz und Mündigkeit

Pädagogik, die sich als solche ernst nimmt, sollte daher als ersten Schritt eine Abwendung von der Konzentration auf die Medien bei gleichzeitiger Zuwendung zu den Menschen vollziehen. Statt der Kompetenz, der Kompetenz, der Kompetenz könnten dann vielleicht zwei Dinge ins Blickfeld rücken: einerseits die alte, aber meiner Ansicht nach immer noch sehr brauchbare Idee der Mündigkeit, die implizit ohnehin in allen nicht-technokratischen Definitionen auch von Medienkompetenz steckt - und andererseits die gesellschaftlichen Bedingungen jenseits medialer Oberflächen, in denen die Individuen, um die es der Pädagogik ja letztlich geht, leben.

Wenn ich Mündigkeit sage, meine ich Mündigkeit etwa im Sinne Diderots, für den die Reflexionsfähigkeit des Menschen die Grundlage bildet. Er definiert sie als die Fähigkeit, über das eigene Tun nachzudenken, zu reflektieren. Gleichzeitig betont er aber wie wichtig es sei, sich durch die ratio nicht von seinen Gefühlen und Leidenschaften zu entfernen, sondern "vernünftigen Gebrauch von ihnen zu machen".
Die pädagogisch leider einflußreichere Definition stammt allerdings von seinem Zeitgenossen Immanuel Kant, der Mündigkeit von ihrem Gegenteil, der Unmündigkeit aus definiert. Bei ihm ist - bekanntermaßen - Mündigkeit das Ergebnis gelungener Aufklärung, also die Überwindung selbstverschuldeter Unmündigkeit.

Nun ist aber Aufklärung im Felde der Medienpädagogik eine recht komplizierte Sache, da zu fragen ist, wer wen worüber aufklärt: Denn das (immer noch) meist pejorative Medienverständnis der Pädagogik, das Medien in erster Linie kulturpessimistisch betrachtet, kann für sich selbst kaum Aufgeklärt-sein in Anspruch nehmen. Gehören doch viele dieser Diskurse (ich erinnere etwa an Neil Postman, Mary Winn oder Jerry Mander) eher dem Bereich des Aberglaubens an. Eine Aufklärung aber, deren Ziel nicht die Vermittlung von erhellendem Wissen, sondern in erster Linie Warnung und Bewahrung ist, scheint mehr als problematisch und setzt sich dem Verdacht aus, den angeblich so schädlichen Einfluß der Medien nur deshalb zurückdrängen zu wollen, um selbst wieder wirksamer Einfluß nehmen zu können. Ob es einer derartigen Ausgangsposition gelingen kann ihr Ziel zu erreichen, scheint unter anderem auch deshalb fraglich, weil Pädagogik hier unablässig mit dem Kampf gegen das Negative beschäftigt ist, statt sich für etwas stark machen zu können.

Ein Ausweg aus dem Dilemma liegt demnach vielleicht in einem "emotional turn" der sich von der rationalitätslastigen Pädagogik -á la Kant ab- und der Diderotschen Definition zuwendet. Denn das könnte mithelfen den - wie Ingrid Paus-Haase das so schön nennt - "Eigen-Sinn zu stärken" oder ihn auch überhaupt erst einmal zu finden. Medien können dabei Verbündete sein. Wer sie nur als Gegner betrachtet, vergisst eine ganz wesentliche Sache: in einer immer komplexer, individualisierter, entstrukturierter und diversifizierter werdenden Welt schöpfen Menschen - auf der Suche nach Orientierung - ihren Sinnvorrat nicht zuletzt auch aus populären Massenmedien. Denn diese liefern ihnen Bedeutungsangebote, Hilfestellungen, Identifikationsmöglichkeiten und vor allem auch Emotionen. Und wer ihnen diese Reservoir nehmen will, hat keine guten Karten. Selbst dort wo sie scheinbar missbraucht werden können sie daher etwa dazu beitragen spezifische Defizite aufzuspüren und anzusprechen oder auf konkrete Bedürfnisse hinzuweisen.

Jugendliche sehen "big brother" nicht deshalb so gern weil sie so sensationslüstern sind, sondern weil sie sich davon einen noch authentischeren Einblick in die Erwachsenenwelt erhoffen, als sie ihn von diversen soaps und talkshows geliefert bekommen. Und das, worum es da geht: wer verhält sich in welcher Situation wie, welche Rollenmodelle und Handlungsmöglichkeiten stehen zur Verfügung - sind Fragen mit denen sie sich - mehr oder weniger bewusst - schliesslich unablässig beschäftigen. Und dort, wo der und die einzelne mehr und mehr darauf zurückgeworfen werden ihres eigenen Glückes Schmid zu sein, wo die alten kollektiven Rituale (von der Erstkommunion bis zum Weihnachtsfest) zunehmend sinnentleert erscheinen, drängen sich die daily talks, die daily soaps und die daily chats als Ersatz geradezu auf.

Eigen-sinnige Rezeptionsweisen allerdings schaffen die viel leichter, die ohnehin schon besser ausgestattet sind - und damit sind wir bei einem ganz zentralen Punkt angelangt. Der Erkenntnis, dass sich trotz oder gerade wegen des egalisierenden und demokratischen Potentials von Medien ein Phänomen immer deutlicher herauskristallisiert - die Wissenskluft. Die These vom knowledge gap weist auf ein bildungspolitisches Problem ersten Ranges hin. Sie zerstört die Hoffnung und Illusion,daß die Massenmedien durch ihre bloße Existenz eine Egalisierung von Wissen und Bildung mit sich bringen könnten, endgültig.

Das dem nicht so ist hat mindestens zwei Gründe: Erstens kosten auch Medien Geld. Geld, das im Etat eines kleinen Einkommens oft nicht eingeplant oder gar nicht einplanbar ist - man denke etwa an die Anschaffung eines Computers und Internetanschlusses); und zweitens sind Medien ja unterschiedlichst nutzbar und Menschen mit niederem sozioökonomischen Status und wenig formaler Bildung verfügen sehr oft nicht über biographische oder andere Vorbilder, die ihnen die private oder berufliche Verwertbarkeit des neuen Wissens zugänglich werden lassen. Die Beobachtung ist so simpel wie einleuchtend. Die neuen Medien eröffnen zahlreiche neue Möglichkeiten, zwischen denen auch ein Abgrund klafft. Vom Abschießspiel bis zur LernunterstützungsCDrom, die Kindern im Vorschulalter spielerisch lesen, schreiben und rechnen beibringt, ist ein weiter Weg. Und mit ersterem werden in erster Linie diejenigen versorgt, die ohnehin in einer intellektuell wenig anregenden Umgebung aufwachsen - und vice versa. Die Überbrückung der Kluft kostet Geld und Zeit - kostbare Ressourcen - doch es gibt Beispiele dafür, wo es gelang Pfeiler zu setzen. Projekte wie im Medienzentrum Freiburg oder im Zentrum für soziale Innovation in Wien, wo arbeitslose Jugendliche sich in Intensivkursen mit Multimedia -produktion auseinandersetzen weisen eindeutig in die richtige Richtung.

Das hat auch damit zu tun, dass die Arbeit mit Medien nicht in erster Linie intellektuelle Fähigkeiten verlangt und dass es ihre oft sehr klare Struktur und Arbeitsteilung Menschen mit sozialen Problemen manchmal möglich macht, sich an ganz unerwarteter Stelle einzubringen. Oft sind es die Stillen und Schüchternen die überraschende Fähigkeiten entwickeln oder die Lauten und Zappeligen, die plötzlich mit Hingabe an der Programmierung einer HTML-Seite werken.

Doch Gefahren lauern auch hier. Ist doch die aktive Medienarbeit keineswegs davor gefeit die Mechanismen der Mediengesellschaft einfach nur nachzuvollziehen statt sie zu reflektieren. Ihr emanzipatives Potential wird sie folglich nur dann wirklich entfalten können, wenn sie eingebettet bleibt in die Auseinandersetzung um gesellschaftliche Kommunikationsmöglichkeiten, wenn sie sich auch für nichtkommerzielle Radios, freie Zugänge zum Internet, ausreichende Förderungen für offene Medienprojekte, etc. stark macht. Medienpädagogik auf den Weg zur Medienkompetenz muss sich daher immer mit Medienpolitik, Medienmacht und der Frage nach der Art und Weise der gesellschaftlichen Kommunikation auseinandersetzen. Sie ist letztlich aufgerufen das demokratische Selbstverständnis einer Gesellschaft zu überprüfen. Denn eines sollte in diesem Zusammenhang auch noch Erwähnung finden:

Medien waren immer auch Mittel der Kommunikation von unten nach oben. Ohne die Demokratisierungsprozesse der Neuzeit, gäbe es keinen Buchdruck und keine Medien. Sie entstanden vor dem Hintergrund des Bedürfnisses breiterer Gesellschaftsschichten an gesellschaftlicher Kommunikation teilzuhaben. Von Luthers erster Bibelübersetzung über die Flugblätter der französischen Revolution bis hin zum Internet für die Mayas von Chiapas und Radio B52 für die serbische Opposition - Medien leisten in gesellschaftlichen Umbruchssituationen Wichtiges, sie sind aber auch nicht per se gegen Missbrauch gefeit. Und daher gibt die Pluralität der Medienlandschaft eines Landes meist recht verlässlich Auskunft über seine jeweilige demokratische Reife. Ein Meßmethode, die Österreich nicht glänzend abschneiden lässt.

Zum Schluss: was kann Medienpädagogik zur Mündigkeit beitragen

Erstens soll Medienpädagogik natürlich aufklärerisch tätig sein, indem sie "modernes Wissen", also Informationen über Strukturen, Besitzverhältnisse, Produktion und Distribution, Funktionsweisen von Medien, Kommunikationstechniken etc. offen legt. Was hierzulande meist bedeutet, das die Lehrenden Gelegenheit bekommen müssen dieses Wissen erst einmal selbst zu erwerben.

Zweitens ist sie aufgefordert analytische Fähigkeiten zu vermitteln. Wobei diese klassische Aufgabe kritischer Zugänge in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen vorsichtig angegangen werden sollte: Analytisches Können muß als Möglichkeit begriffen werden, einen Blick hinter die Kulissen werfen, die Gemachtheit von Medien durchschauen und sich Wissen aneignen zu können, das "brauchbar" ist. Sobald nämlich der Verdacht entsteht, daß die Analyse in erster Linie zur Abqualifizierung von Trivialkultur dienen soll, reagieren Kinder und Jugendliche zu Recht misstrauisch und nicht selten mit massiver Abwehr. Wer nämlich in ihnen immer noch allein die getäuschten Opfer der Mediengesellschaft sieht, die von erwachsenen Pädagogen und PädagogInnen gerettet werden müssen, der missversteht die Natur der Beziehung, die zwischen Medien und jungen Menschen besteht ganz grundsätzlich.

Drittens - und das scheint mir der eigentlich wesentlichste Punkt, und gleichzeitig auch der zu sein, von dem die Pädagogik derzeit noch am weitesten entfernt ist - sollte sie sich auf dem Weg zur Medienkompetenz in erster Linie der Auseinandersetzung mit verschiedensten Phänomenen der Kommunikation widmen. Dann nämlich könnte sie aufhören auf die verhaßten oder gefürchteten Gegner und Konkurrenten Medien zu starren und sich auf die ureigenste Stärke von Pädagogik, die personale Kommunikation und das Beziehungsangebot besinnen. Kommunikationspädagogik könnte sich vor dem Hintergrnd dieser Stärke den Medien wohl auch viel gelassener nähern. Wenn solche Leitgedanken zu zentralen Prinzipien erhoben werden (was auf den ersten Blick wahrscheinlich einfacher zu verwirklichen scheint, als es vermutlich ist), dann kann es vielleicht gelingen der weitreichenden Vermarktung bald schon aller Lebensbereiche etwas entgegen zu setzen.

In diesen Prozessen, die sich nicht eine verhältnismässig abstrakt bleibende oder technokratisch operationalisierte Kompetenz, sondern den alten Wert der "Mündigkeit" zum Ziel setzten sollten, geht es nicht zuletzt auch um die der PädagogInnen selbst. Erst wenn sie sich nicht mehr in die Rolle des Reparaturbetrieb fügen, wenn sie sich dagegen wehren als Feuerwehr nur löschen, nicht aber nach den Brandstiftern suchen zu dürfen, wird sich wirklich was bewegen. Grundlage dafür aber ist - so paradox das vielleicht klingen mag - nicht die Abschaffung von Medien, sondern der Abschied vom praktischen bequemen und liebgewordenen Feindbild Medien.

Denn dann stellen sich gesellschaftspolitische Fragen und es entwickeln sich Ideen, die sich durchaus auf den Ausbau von Medien und nicht nur auf deren Abschaffung beziehen können: So etwa die Forderung nach freien Radiofrequenzen, nach der Senkung der Telefongebühren, dem zur Verfügung stellen von freien Zugängen zum Internet oder nach der Bereitstellung von Mitteln für Medienprojekte mit benachteiligten Kindern und Jugendlichen. (Medien)PädagogInnen sollten demnach diejenigen sein, die darüber nachdenken, wie die gesellschaftlichen Voraussetzungen für einen mündigen Umgang mit der uns umgebenden Wirklichkeit geschaffen werden könnten. Und wie Medien, als nicht mehr wegzudenkender Teil unseres Alltags, zu Werkzeugen und Mitteln werden, die das ihre zu einem mündigeren Zugang zur Welt beitragen statt diesen zu verstellen.


wieder auffi