Alternative Zeitschriften, Öffentlichkeit und Politik

von Robert Zöchling

Als erstes Charakteristikum alternativer Zeitschriften kann angeführt werden: Daß ihre Aufgabe und ihre Bedeutung erst dann so richtig auffallen, wenn es sie nicht mehr gibt. Erst dann wird der Verlust von Ausdrucks- und Verständigungsmöglichkeiten schmerzlich bemerkt und festgestellt, daß die Freiheit des Denkens wertlos ist, wenn es sich nicht in Gesellschaft begeben kann.

  • Wenn sich Akademiker und Akademikerinnen ein Stück weit über ihr Tagesgeschäft hinausbegeben wollen; und ihren Überschuß an Denken, der in ihrem Beruf beinahe zwangsläufig anfällt und der beinahe zwangsläufig kritisch ist und daher dort nicht verwertbar, publizieren und zur Diskussion stellen wollen – das ist, was man zu vielleicht besseren, jedenfalls anderen Zeiten als die Aufgabe der Intellektuellen bezeichnet hat; und wenn sie dann feststellen, daß es dafür kein gedrucktes Medium mehr gibt; dann verlegen sie sich vielleicht auf andere Medien, publizieren ins Datennetz oder gestalten vielleicht sogar freie Radiosendungen. Das ist gut und wichtig und man soll sie dazu ermutigen. Das ersetzt aber noch nicht die Diskussionszusammenhänge, die alternative Zeitschriften schon einmal geschaffen haten und weiterhin schaffen.
  • Wenn Künstlerinnen und Künstler feststellen, daß sie in der massenmedialen, sogenannten Kunstkritik nur noch gut davonkommen, wenn ihre Arbeit irgendwie dem zuträglich ist, was man als kulturelle Standortpolitik oder – in diesem seltsamen Land im Besonderen – als verallgemeinerte Tourismuspolitik bezeichnen könnte; und daß sie mit Diffamierung und Verhöhnung zu rechnen haben, wenn sie für die Standort-Nation als zu kritisch, schwierig oder schlicht überflüssig betrachtet werden; daß sie jedenfalls mit ernsthaftem Interesse und ernstzunehmender Kritik kaum zu rechnen haben; dann ist das für sie ein Grund mehr, den Beruf zu wechseln, auszuwandern oder schlimmstenfalls zu versuchen, sich irgendwie für den Markt fit zu machen. Alternative Zeitschriften bemühen sich heute in vielen Bereichen als einzige um die Darstellung und Kritik aktuellen Theater- und Filmschaffens, aktueller Literatur und bildlicher Kunst.
  • Wenn schließlich Personen und Gruppen, die mit dieser Gesellschaft uneins sind, sie und ihre Institutionen an ihren Grundlagen und in ihrem Bestand kritisieren, gar ablehnen, keine Möglichkeit mehr finden, diese Kritik und Ablehnung zu veröffentlichen und somit unweigerlich und immerhin zur Diskussion zu stellen, dann wird das in Östereich seit Jahren geläufige Gerede von der angeblichen "Gewaltbereitschaft" der Zeitschriften, die solches ermöglichen, von den endgültig aus aller Öffentlichkeit Ausgeschlossenen vielleicht demnächst tatsächlich kurzerhand mit Substanz, also mit Gewalt, gefüllt werden.
  • Selbst den Kritisierten, den Funktionierenden der Politik, den akademischen Verwaltern des Wissens, den Hütern der hohen Kunst, könnte auffallen, daß Kritik, sei sie auch fundamental, sei sie auch lästig gewesen, immer noch besser war als der Abbruch der Beziehungen. Eine ausführliche kritische Würdigung zeigt immerhin, daß man den kritisierten Gegenstand noch nicht gänzlich aufgegeben hat und macht immerhin noch Differenzen, etwa politischer Programme, erkennbar. Damit erweisen selbst die schärftsten Kritiker der Politik, der Wissenschaft, der Kunst, dem Gegenstand ihrer Kritik, ihrem Gegner gar, einen Dienst, dessen die sogenannten etablierten Medien mit ihrer läppischen Kolportage von Anekdoten, Bildern und sonstigen Mitteilungs-Schnipseln längst nicht mehr fähig sind. Wenn man das Ende der Poltitik sucht, wird man es in den Tages- und Wochenzeitungen am einfachsten finden – in den österreichischen einfacher als sonst irgendwo.

Alternative Medien erfüllen heute also als einzige, weil als letzte, Aufgaben, deren Erfüllung traditionellerweise "den Medien" zugedacht ist. Während die Totalvermarktung Öffentlichkeiten frißt, was an der Oberfläche als "Zeitgeist", "Beliebigkeit", "Verblödelung" etc. wahrgenommen wird, bleiben als tatsächliche Hersteller von Öffentlichkeiten weitenteils nur noch solche Medien, die dem Markt schon bisher mit absichtlicher Ignoranz gegenüberstanden.

Man soll nicht so tun, als wäre Österreich erst seit der Bildung der blau-schwarzen Regierung das Letzte in der "westlichen Wertegemeinschaft": Meinungsfreiheit, meine Damen und Herren Geschworenen, ermißt sich nicht an der Beschreibung von Rechten im Verfassungstext, sondern an den tatsächlichen Möglichkeiten, Meinungen - gar unterschiedliche - zu publizieren. Besser noch wäre: kritische Gedanken zu publizieren, denn "nur die Hausmeister sind immerfort von irgendwas überzeugt" (Doderer). Die tatsächliche Möglichkeit zur freien Gedankenäußerung sowie zur Informationsgewinnung und –verbreitung konnten sich in Österreich nie auch nur zu "westeuropäischem Niveau" entwickeln und wurden in den vergangenen Jahren nochmals dermaßen ruiniert, daß hier von "Öffentlichkeit" recht eigentlich nicht mehr die Rede sein kann. Die besondere Gemeingefährlichkeit der aktuellen Regierung verleiht diesem durch Jahrzehnte sozialdemokratischer Medienpolitik sorgfältig abgewarteten, wo nicht mutwillig herbeigeführten, Zustand bloß einen gewissen zusätzlichen Ernst.

Wer sich über Politik und Gesellschaft – auch über österreichische Innenpolitik, etwa zur Zeit der Affaire Waldheim – informieren wollte, wer Texte lesen wollte, die der Mühe wert sind, war schon seit vielen Jahren außer auf einige hiesige Alternativmedien auf die internationale Presse angewiesen, mußte zur Not und beispielsweise auch einmal ordentlich Französisch lernen. Ein Lernen für das Leben, das dem trotz Österreich Lesenden meist völlig mißverständlich als snobistische Attitüde ausgelegt wurde. So gibt es in diesem seltsamen Land auch nur sehr wenige, die überhaupt begreifen, was mit "Öffentlichkeit", mit "Kritik" oder mit "Eigensinn" gemeint ist und was da gerade endgültig zu Verschwinden im Begriff ist.

Schuld, meine Damen und Herren Geschworenen, bemißt sich an den Eingriffsmöglichkeiten, die man gehabt hätte. Seit Mitte der siebziger Jahre gibt es gesetzlich geregelte, staatliche Förderungen für periodische, gedruckte Medien. Und seit es sie gibt, gibt es auch die Kritik daran, die eigentlich überflüssig ist, weil der vollkommene Unsinn von Presse- und Publizistikförderung sich ganz von selbst offenbart: Während in der Presseförderung 250 bis 350 Millionen Schilling jährlich an einige Tages- und Wochenzeitungen verschenkt wurden und werden, und zwar nach dem hauptsächlichen Kriterium des leserseitigen Umsatzes (nein: nicht je weniger, umso Förderung, sondern je mehr, umso Förderung), standen und stehen für die Förderung sämtlicher Zeitschriften 5 bis 8 Millionen per anno zur Verfügung – ergibt im Einzelfall ein Trinkgeld (ob ein besseres oder schlechteres, mag man unterschiedlich beurteilen). Nicht einmal zur Rettung der eigenen Parteizeitungen (von SPÖ und ÖVP) reichte dieser recht kostspielige Nichtförderungs-Schwachsinn. Neben diesen einzig, wenn auch in jeder Hinsicht völlig falsch, strukturierten Förderungen, gab es zu Zeiten sozialdemokratischer Regierungsbeteiligung noch die Möglichkeit, auf halbfeudalem Weg Druckkostenzuschüsse und Inserate einzelner Ministerien, gegebenenfalls auch parteinaher Unternehmen und Organisationen, zu erheischen (vor zehn Jahren in aller Bescheidenheit noch einigermaßen zuverlässig, in den letzten Jahren ohnehin so gut wie nicht mehr). Diese halbfeudale Zuwendungspraxis ermöglichte komfortablerweise auch den umstandslosen Entzug des Wohlwollens im Falle des Beleidigtseins: So konnte etwa und insbesondere eine der wichtigsten Zeitschriften des deutschsprachigen Raumes, das FORVM, nach vierzig Jahrgängen einfach fallengelassen und umgebracht werden, als es begann, auch sozialdemokratische Regierungspraxis so zu kritisieren, wie sie kritisiert werden mußte, ohne sich als Herausgeber vollkommen unredlich zu verhalten und lächerlich zu machen. Was da im Großen – um es eigentlich unangemessen sanft auszudrücken - vermasselt wurde, setzte sich im Kleinen fort: So gibt es unter den hinterbliebenen, alternativen Zeitschriften keine, die nicht auch schon von Ausgabe zu Ausgabe ums Überleben kämpfen müßte. Um unter solchen Umständen noch strategische, langfristige Entwicklungskonzepte zu verfolgen, braucht es nicht nur eines guten Mutes, man muß es sich auch in wachsendem Maß persönlich leisten können.

Entgegen allen Schön- und Sonntagsreden von der angeblich allerorts ausbrechenden und alles erdenkliche ermöglichenden "Zivilgesellschaft" leben wir alternative ZeitschriftenproduzentInnen schon seit langem in der "Bürgergesellschaft", ganz nach Khols Kopf: Was wir produzieren, leisten sich ziemlich ausschließlich unsere LeserInnen; was sich unsere LeserInnen nicht leisten (weil sie erstens zu wenig zahlreich sind, zweitens und auch deshalb die tatsächlichen Produktionskosten zu hoch, um sie in Abo-Preisen auszudrücken), leisten wir uns, so weit und so lange wir können – wenn sich das auf viel unbezahlte Arbeit beschränken läßt, haben wir noch Glück gehabt.

Freilich: Hätte in den letzten dreißig Jahren eine Medienpolitik stattgefunden, die etwas anderes ermöglicht hätte, als das am Markt ohnehin Stattfindende, wären also unter anderem (ja, ja: auch die "Mediaprint" hätte man zerschlagen sollen) geeignete, gesetzlich geregelte Förderungsstrukturen geschaffen worden, dann wären die heute – wie manch anderes – auch flugs zerschlagen (die gegenwärtig Regierenden haben offenbar weniger Probleme damit, kaputt zu machen, was sie kaputt macht). Es hätten aber in dieser Zeit strategische Entwicklungen in Gang gesetzt, bessere Eigenfinanzierungsstrukturen entwickelt, größere LeserInnenkreise erschlossen, kurzum nicht so einfach umzubringende Öffentlichkeiten aufgebaut werden können – sagen wir also, weil das in dieser Façon gerade gut ankommt, die "zivilgesellschaftlichen" Strukturen, die jetzt von einigen ebenso heftig entweder phantasiert werden oder herbeigeredet werden wollen, wie ihr Fehlen offensichtlich wird.

Eines kann man uns alternativen ZeitschriftenherausgeberInnen nicht nachsagen: daß wir nicht zäh wären. So lange es noch gute, kritische AutorInnen gibt (und erstaunlicherweise gibt es immer noch gute AutorInnen und wichtige Texte – zu viele sogar für die vorhandenen Publikationsmöglichkeiten), werden sich wohl auch welche finden, die noch einmal versuchen, etwas auf die Beine zu stellen. Man sollte sich aber nicht darauf verlassen, daß jeder neue, wahnsinnige Anlauf schon irgendwie zu einem haltbaren Produkt führen wird. Wie die Dinge heute stehen, sind unsere LeserInnen unsere einzige Hoffnung. Ob "Bürger-" oder "Zivilgesellschaft": Es gibt keine Öffentlichkeiten - es sei denn, wir bilden sie und leisten sie uns! Wir können mangels Mitteln nicht allzu viel zur LeserInnenfindung beitragen, wir müssen uns finden lassen. Findet uns! Werdet und werbet LeserInnen – womöglich rasch, in einem Jahr kann es für vieles zu spät sein!

Eine sachdienliche Informationsquelle, nämlich ein Verzeichnis alternativer uns sonstwie anständiger Medien samt Probeheft-Bestellformular, liegt leider schon lange nicht mehr nicht gedruckt, dafür sehr verdienstvoll und aktuell im Datennetz vor:

http://www.mediaweb.at

Robert Zöchling ist Obmann der Vereinigung alternativer Zeitungen und Zeitschriften (VAZ), geschäftsführender Redakteur von Context XXI (Zeitschrift, Radio, Internet: http://contextXXI.mediaweb.at), Mitglied des Kritischen Kreises (Zeitschrift "Streifzüge") und Unternehmer (Kemmerling Zöchling & Partner Medien- und Informationsdienste).


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